Historisches Sachsen
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Beschreibung
Eine alte Urkunde des böhmischen Königs Wenzel von 1408 aus dem Archiv der Brüder-Unität Herrnhut enthält einen frühen Beleg für das Vorhandensein des Dorfes Berthelsdorf. Schon im 15. Jahrhundert befand sich Berthelsdorf im Besitz von Angehörigen des weit verzweigten Oberlausitzer Adelsgeschlechts von Gersdorff, die, trotz vielfältiger Besitzerwechsel durch Erbschaft und Verkauf, das Anwesen bis in das 18. Jahrhundert weitgehend im Familienbesitz halten konnten.
Das Schloss Berthelsdorf geht jedoch zurück auf Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und Pottendorf. Der gottesfürchtige Mann gehörte einer niederösterreichischen Grafenfamilie an, die im 17. Jahrhundert auf Grund ihres evangelischen Glaubens nach Kursachsen konvertiert war. Hier heiratete sein Vater, Georg Ludwig, in zweite Ehe die Tochter des Landvogts der Oberlausitz, Charlotte Justine Freifrau von Gersdorff. Doch sein Vater verstarb früh. So wuchs der Graf bei seiner frommen Großmutter, Henriette Katharina von Gersdorff, geborene von Friesen, auf. Schon bald wurde der junge Zinzendorf vom Pietismus geprägt. Auf Bildungsreisen durch die Niederlande und Frankreich gewann er Freundschaften von Menschen anderer Konfessionen. Der Graf gehörte zu den bekanntesten Persönlichkeiten des Pietismus im 18. Jahrhundert.
Obwohl Zinzendorf zur damaligen Zeit kaum über eigene finanzielle Mittel verfügte, verkaufte ihm seine Großmutter 1722 das Rittergut Mittelberthelsdorf. Schon im Jahr zuvor begann er, das heruntergekommene Rittergut zu sanieren. Dabei baute er das Schloss zum Wohnhaus aus, nachdem es den Vorbesitzern lediglich als Verwaltungssitz diente. So ließ er die Wände im ersten Obergeschoss vom Fachwerk befreien und neu aufmauern. Im Innern blieb die Fachwerkkonstruktion jedoch erhalten. Auch der Einbau mehrerer Schornsteine fiel in diese Zeit. Schon ein Jahr später zog Zinzendorf mit seiner Ehefau Erdmuth Dorothea Gräfin von Reuß-Ebersdorf in das Herrenhaus ein.
Das Berthelsdorfer Schloss steht auf quadratischem Grundriss. Mit einfachen architektonischen Mitteln, wie Putzquaderungen an den Ecken und ein schlichtes, zentral angeordnetes Sandsteinportal, gelang es dem Bauherrn, seinem Herrenhaus einen vornehmen Eindruck zu verleihen. Das hohe Mansarddach wird durch drei Reihen Dachgauben belebt und unterstreicht damit den herrschaftlichen Eindruck. Im Innern teilt eine geräumige Diele das Erdgeschoss. Eine Holztreppe führt in die Wohnräume des Obergeschosses mit ihren schlichten Stuckdecken.
In der Mitte des 18. Jahrhunderts erhielt das Gebäude einen Anbau zur Gartenseite, der jedoch vor einigen Jahren abgetragen worden ist, um das ursprüngliche Bild wieder herzustellen. Auf der Grundfläche des abgebrochenen Anbaus wurde zwischenzeitlich eine Terrasse aus Natursteinen angelegt, die als Sitzfläche dient. Auch der sich anschließende Garten des Zinzendorfschlosses soll wieder hergestellt werden. Alte Darstellungen aus dem 18. Jahrhundert zeigen einen regelmäßig angelegten Garten, der von einem rechtwinkligen Wegesystem in mehrere Kompartimente eingeteilt wird. Der Garten diente hauptsächlich als Küchengarten, enthielt jedoch auch einige Zierelemente.
Noch im Jahr 1722 nahm Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf auf seinem Rittergut eine kleine Gruppe evangelischer Glaubensflüchtlinge aus Mähren auf, die ständigen Verfolgungen ausgesetzt waren. Diese siedelten sich auf der Rittergutsflur nahe dem Hutberg bei Berthelsdorf an und stellten sich unter die Obhut des Herrn - Herrnhut entstand. Unter Zinzendorf fanden hier überzeugte Christen aus verschiedenen Konfessionen zu einer Lebens- und Glaubensgemeinschaft zusammen. Mit dem neuen lutherischen Pfarrer Andreas Rothe hielt er als theologischer Autodidakt Biebel- und Erbauungsstunden. Doch seine Aktivitäten erregten bald die Aufmerksamkeit der Behörden in Dresden - Zinzendorf wurde 1736 aus Sachsen ausgewiesen. Zuvor hatte er seinen Grundbesitz schon 1732 seiner Frau Erdmuth Dorothea übertragen.
Rastlos zog Zinzendorf umher. Als Prediger bereiste er die deutschen Länder, England und Nordamerika. Im Jahre 1747 wurde ihm die Rückkehr nach Sachsen gestattet, aber erst 1755 - zwischenzeitlich zum Bischof geweiht - kehrte er endgültig nach Berthelsdorf zurück. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf starb im Mai 1760, kurz vor seinem 60. Geburtstag, in Herrnhut.
Das Schloss verblieb noch einige Zeit bei der Familie. Schließlich ging es in den Besitz der Herrnhuter Brüderunität über. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde das Gut dann dem Remonteamt (Pferdezucht) der Deutschen Wehrmacht angegliedert. Die Brüderunität erhielt ihr Gut zwar nach dem 2. Weltkrieg wieder zurück, verlor es jedoch bald darauf in der Bodenreform. Als Volksgut "Thomas Müntzer" nutzte man die Gebäude bis in die 1990er Jahre. Dann standen sie leer. Erst mit der Übernahme durch den "Freundeskreis Zinzendorf-Schloss Berthelsdorf e.V." 2001 kehrte wieder Leben ein. Seit dem wird das Gut unter der Beteiligung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und anderer Fördereinrichtungen behutsam saniert.
Der Besucher betritt das Schloss von der Hofseite durch das Sandsteinportal mit der Jahreszahl 1721 und einer Inschrift und gelangt so in eine geräumige Diele. Gleich rechter Hand öffnet sich der Renaissancesaal. Der Raum besticht durch seine 12 Meter lange Holzbalkendecke aus Schiffskehlenbalken und Einschüben. Bernhard Edler von der Planitz ließ die Decke um 1674 über die gesamte Länge einziehen. Die wandfolgenden Putze des Raumes lassen das darunterliegende Bruchsteinmauerwerk deutlich erkennen. Unterschiedliche Putzstrukturen stammen aus verschiedenen Umbauphasen. Im hinteren Bereich führt eine Tür in einen kleinen Raum mit einem Barockofen aus der Zeit um 1760. Vier Sandsteinfüße aus dem 18. Jahrhundert tragen ihn. Das Sockel- und das Portalelement erhielt das Zinzendorfschloss von der Kirchgemeinde Königstein in der Sächsischen Schweiz. Kronengesims, Haube und Vase komplettieren den Ofen, der typisch für die Herrenhäuser der Region war. Im gleichen Raum beeindrucken Putzfragmente aus der Zeit der Renaissance um 1580. Fragmentarische Spruchbänder haben vermutlich einen Reim zum Inhalt. Darunter finden wir Reste eines floralen Rankenwerkes, das vermutlich stilisierten Hopfen darstellen soll.
Das Herzstück des Zinzendorfschlosses ist jedoch der Fest- und Betsaal im Obergeschoss. In ihm wurde gefeiert, gebetet und repräsentiert. Zinzendorf machte den Festsaal der Öffentlichkeit zugänglich. Adlige, mährische Glaubensflüchtlinge, aber auch Berthelsdorfer Einwohner, Mägde und Knechte trafen sich am Sonntag zum Austausch über ihren Glauben. Dieser geistliche Aufbruch mündete später in der Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine.
Vor dem Schloss befindet sich der große Gutshof, gerahmt von mehreren Wirtschaftsgebäuden. Besonders das unmittelbar am Schloss stehende Speicher- und Stallgebäude aus dem Jahr 1800 gibt dem Vierseitenhof sein Gepräge. Mit einer Breite von 19 Metern und einer Länge von 57 Metern dominiert es ihn. Beeindruckend ist das Kreuzgewöbe in seinem Innern, dass man in einem ehemaligen Kuhstall nicht vermutet. Doch die Notwendigkeit der damaligen Zeit, auf geringstem Raum möglichst viel Vieh und Futtermittel unterzubringen um die stetig wachsende Bevölkerung zu versorgen, führte schließlich zu der zwar nicht billigen, aber stabilen, feuerfesten und lange haltbaren Lösung. Zwischenzeitlich hat sich der "Freundeskreis Zinzendorf-Schloss Berthelsdorf e.V." auch des ehemaligen Stalles angenommen und die Außenfassade sowie das Dachtragwerk saniert. Die weiteren Planungen sehen vor, das freigelegte Basaltpflaster zu überarbeiten, Randbereiche und den Mittelgang mit Granitkrustenplatten auszulegen und Teile des Bodens mit Tannenholz zu dielen, um den Stall schließlich als Konzertsaal nutzen zu können.
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Schloss Berthelsdorf
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Stand: 01.10.2016